Man könnte sagen, Raimund Baumschlager ist so etwas wie die graue Eminenz des österreichischen Motorsports. Doch einerseits weigern sich seine kurzgeschorenen Haupthaare standhaft, die Farbe zu verlieren. Andererseits spricht man so nur über Sportler, die entweder schon seit Jahren im Ruhestand sind oder zumindest ihre besten Jahre längst hinter sich haben. Auf Raimund Baumschlager, den alle nur "Mundl" rufen, trifft nichts davon zu. Ein Besuch zuhause bei einem Ausnahmesportler, der nicht nur aufgrund seiner enormen Erfolge ein ganz besonderer Mensch ist.

Rekord-Staatsmeister. Seriensieger. Dreifach-Weltrekordler. Teamchef. Unternehmer. Familienmensch. Wer das Privileg hat, Raimund "Mundl" Baumschlager näher kennen zu lernen, der darf kein Problem mit Superlativen haben. Tatsächlich ist jener sympathische, bodenständig wirkende Herr in bestem Alter, der uns gerade mit wachen Augen am Küchentisch seines Hauses in Rosenau am Hengstpass gegenübersitzt, der mit Abstand erfolgreichste Rallyefahrer, den Österreich je hervorgebracht hat. Mehr noch: Mit sage und schreibe 14 Staatsmeisterschaftstiteln ist "Mundl" seit 2017 tatsächlich Weltrekordler. Niemand gewann öfter eine nationale Rallye-Meisterschaft als der mittlerweile 58-jährige Ausnahmekönner aus Oberösterreich. Dazu kommen acht Titel in Folge (ein weiterer Weltrekord) sowie der im Motorsport schier unglaubliche Zeitraum von 24 Jahren, die zwischen seiner ersten Meisterschaft im Jahr 1993 und dem bis dato letzten Triumph in der abgelaufenen Saison 2017 liegen.

 

Eine Karriere über 35 Jahre

Zum Vergleich: Als Raimund Baumschlager 1982 seine erste Rallye fährt, krönt sich ein gewisser Walter Röhrl gerade zum zweiten Mal zum Weltmeister. Im selben Jahr wird Helmut Kohl deutscher Bundeskanzler. In den Kinos läuft "E.T. - Der Außerirdische" und der Commodore 64 kommt auf den Markt. Zu seinem ersten Sieg dauert es nur bis 1986, in der Saison 1993 holt er sich erstmals die Krone als bester heimischer Rallyefahrer. Wenngleich er glaubhaft versichert, dass er es darauf gar nicht abgesehen hatte. "Damals lag mein Fokus eher auf internationalen Einsätzen in der Rallye-WM", erinnert er sich fast ein wenig wehmütig. Es war die absolute Glanzzeit in seiner an Highlights nicht gerade armen Karriere. Bei insgesamt 13 Weltmeisterschaftsläufen geht er an den Start und fährt dabei mit technisch teils hoffnungslos unterlegenen Boliden zu fantastischen Erfolgen: Fünfter auf Korsika 1990, Sechster bei der legendären Safari-Rallye 1998; bei der Deutschland-Rallye 2001 wird er sogar Zweiter, noch vor Weltmeis-ter Marcus Grönholm. "Ein Höhepunkt war auch der achte Platz bei der San Remo. Damals, im dichten Nebel, haben wir mit der Startnummer 52 mit Stig Blomqvist gefightet, einem meiner größten Idole." Dass ihm der ganz große internationale Durchbruch verwehrt blieb, schreibt sich Mundl größtenteils selbst zu. "Ich bin ja nur in die Volksschule und danach ins Poly gegangen, Englisch habe ich mir erst Jahre später selbst beigebracht. Ich habe lange nicht realisiert, wie wichtig Bildung ist." 

Stehaufmandl

Dass Baumschlagers Erfolge vor allem das Resultat harter, konsequenter Arbeit sind, zeigt ein weiterer Rückblick ins Jahr 1982. Mit gerade einmal 21 Jahren verliert Baumschlager bei einem Familiendrama auf einen Schlag beide Elternteile. Gemeinsam mit seinem damals 15-jährigen Bruder startet er neu durch. Übernimmt den Schuldenberg des Vaters - und wird über Nacht erwachsen. Es ist bereits das zweite Mal, dass das Schicksal bei ihm den Reset-Knopf drückt. Als er zwölf war, wurden die Eltern mitsamt der Kinder vom heimatlichen Bauernhof vertrieben. Ein Schlag, den der Vater, Mundls Bezugsperson Nummer eins, niemals überwinden sollte. Liebend gerne wäre Baumschlager, der noch heute begeistert "ins Holz geht", wie damals vorgesehen, Landwirt geworden. So machte er eine Schlosserlehre bei der ortsansässigen "Rohol", um später als Rallyepilot zum berühmtesten Sohn seines Heimatorts zu werden. "Wobei ich mir sicher bin, dass die meisten hier im Ort gar nicht wissen, was ich alles gewonnen habe", lacht er. Bei der freiwilligen Feuerwehr, wo er sich trotz seines enormen Arbeitspensums seit jeher engagiert, seien seinen Kollegen seine sportlichen Erfolge "ziemlich egal". "Und das ist auch gut so."

NIEMAND GEWANN ÖFTER EINE NATIONALE RALLYE-MEISTERSCHAFT ALS DER MITTLERWEILE 58-JÄHRIGE AUSNAHMEKÖNNER AUS OBERÖSTERREICH.

Erfolgreich wie eh und je

Beruflich reißt es ihn umso mehr herum. Das bringen die zahllosen Aufgaben mit sich - aktiver Fahrer sowie Entwicklungs- und Testpilot für ŠKODA einerseits, Teamchef und Unternehmer in seinem eigenen Unternehmen BRR (Baumschlager Rallye & Racing) mit Sitz in Micheldorf andererseits. Dass er mit Ende 50 immer noch auf diesem Niveau fahren kann, sieht er als absolutes Privileg und Glück. So mancher Jungspund, der bei Teamchef Baumschlager die Gründe für langsame Rundenzeiten beim Auto sucht, wird von ihm beinhart auf die Probe gestellt. "Dann sag ich: o.k., lass uns Plätze tauschen, ich schau mir das an. Natürlich halte ich mich körperlich fit, aber ohne meine guten Augen würde mir das auch nicht helfen."

Mehr noch als seine persönliche Schnelligkeit, mit der er immer noch die teils Jahrzehnte jüngere Konkurrenz in Schach hält, freut ihn das familiäre Umfeld, das die sportlichen und wirtschaftlichen Erfolge erst möglich macht: Sponsoren, die seit vielen Jahren zu ihm halten, die Marke ŠKODA, bei der er 2018 zehnjähriges Jubiläum feiert, und natürlich die engsten Mitarbeiter und Freunde. "Ich weiß, das ist nicht selbstverständlich in diesem Alter, und mir ist auch klar, dass das nicht ewig so weitergehen wird", so der frischgekürte Motorsportler des Jahres 2017.

 

Provokateur der Szene

Als ersten Schritt, es zukünftig etwas ruhiger anzugehen, sieht er den Plan, 2018 nicht mehr um die heimische Meisterschaft mitzukämpfen. "Das ist mit ŠKODA so abgesprochen, mal sehen, was danach kommt." Wirtschaftlich steht die nächste Generation schon in den Startlöchern: Tochter Lisa (24) arbeitet bereits im Familienunternehmen mit und könnte sich vorstellen, den international erfolgreichen Rennstall irgendwann ganz zu übernehmen. Ob und wann er den Rennhelm endgültig zur Seite legt, lässt er offen. Kein Wunder - schließlich muss er als Triumphator der Szene niemandem mehr etwas beweisen. "Solange ich noch fit bin und auf diesem Niveau fahren kann, werde ich nicht damit aufhören. Ich bin es außerdem gewohnt, der Provokateur für die gesamte Szene zu sein, frei nach dem Motto: gewinnen tut immer das Auto, verlieren ich. Egal: Ich bleib der Mundl, damit bin ich immer am besten gefahren." Und das sehr erfolgreich.

Raimund Baumschlager

Den jüngsten seiner insgesamt 14 Rallye-Staatsmeistertitel feiert Raimund Baumschlager (58) im Jahr 2017 - und wird zudem "Österreichs Motorsportler des Jahres". Neben diesem Weltrekord hält "Mundl" noch zwei weitere: 8 Titel in Serie (2003 bis 2010) sowie den 24-Stunden-Weltrekord mit einem Schnitt von 323 km/h. Neben 13 WM-Rallyes absolviert Baumschlager auch zahlreiche Rundstreckenrennen und ist auch hier erfolgreich. 

Sein Unternehmen BRR (Baumschlager Rallye & Racing) setzte 2017 international fünf ŠKODA ein - und gewann dabei neben der deutschen und der ungarischen Meisterschaft auch die European Rallye Trophy sowie die U28-Europameisterschaft. Gemeinsam mit Ehefrau Elfriede wohnt Raimund Baumschlager in Rosenau am Hengstpass (OÖ). 

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